ÜBER DIE GEDULD  

Man muss den Dingen

die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen,

die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt

oder beschleunigt werden kann,

alles ist austragen - und dann gebären ...

 

Reifen wie der Baum,

der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst,

dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

 

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,

die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,

so sorglos, still und weit ...

 

Man muss Geduld haben

mit dem Ungelösten im Herzen,

und versuchen die Fragen selber lieb zu haben,

wie verschlossene Stuben, und wie Bücher,

die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

 

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt,

lebt man vielleicht allmählich,

ohne es zu merken, eines fremden Tages,

in die Antworten hinein. 

 

Rainer Maria Rilke

Zeitzeichen:                                             Stress  .  Erschöpfung  .  Burn-out

Stress bedeutet übersetzt "Anspannung, Belastung" und ist vereinfacht gesagt eine körperliche Reaktion auf Reize und Anforderungen, die im Inneren entstehen oder von Außen auf uns einwirken. Dies ist sinnvoll, denn ohne einen spürbaren Tonus kämen wir gar nicht erst in Schwung, etwas zu tun. Das Nervensystem reguliert unser inneres Gleichgewicht je nach Erfordernis in einer Pendelbewegung zwischen Anspannung und Entspannung. Dies ist die Basis für  einen gesunden inneren Rhythmus mit einem Gefühl von "Wohlspannung".

 

Die Lust an der Intensität

Daueranspannung gibt uns zunächst ein oft angenehmes, aber auch verführerisches  Gefühl von Leistungssteigerung. Leider unter Verlust der Schwingungsfähigkeit - Takt ersetzt Rhythmus. Die hohe geballte Energie im Körper führt zu Muskelverhärtungen und kann die rhythmischen Organe Herz, Kreislauf und Atmung schädigen. In so einem Zustand atmet man verstärkt ein und im Vergleich dazu viel zu wenig aus, manchmal auch umgekehrt, wenn Hektik dazu kommt. Solange der Mensch einen Ausgleich durch genügend Ruhe, Bewegung, Freude und Liebe hat, dabei auch seine inneren Ressourcen kennt, verfügt er über eine gute Resilienz - nämlich die Kraft und eine gewisse Geschmeidigkeit, die Dinge zu nehmen wie sie sind.

 

Immer "on" und nie bei sich 

Stress, der nicht abgebaut werden kann oder mit chronisch belastenden Gefühlen, z. B. Unzufriedenheit, Ärger oder Angst gepaart ist, sollte frühzeitig ernst genommen werden. Über das Nervensystem erfolgt eine starke Gegenreaktion, die zu widersprüchlichen körperlichen Symptomen führen kann, z. B. Blutdruckschwankungen, Störungen des Herzrhythmus, Verdauungsstörungen oder Schlafstörungen. In dieser Phase können Übererregtheit und erste Erschöpfungszeichen gleichzeitig bestehen - ein Gefühl von "Ich muss, obwohl ich nicht mehr kann oder will".  Der Mensch bemüht sich, seinem eigenen oder fremden Leistungsbild weiterhin gerecht zu werden - mit enorm viel Krafteinsatz. Wirklich entspannen, um sich zu erholen, kann er aber nicht mehr.

 

Wenn das Licht ausgeht 

Gerät ein Mensch in ein echtes Burn - out, hat er jegliches Gefühl für sich selbst, seine körperliche Präsenz und seine gesunden Grenzen eingebüßt. Die tiefe Erschöpfung wird durch einen "shut down" im Nervensystems hervorgerufen, eine Notregulation sozusagen, um ein weiteres Ausbrennen zu verhindern. Ein Gefühl der inneren Leere auf allen Ebenen begleitet die Erschöpfung, die als körperlich schmerzhaft empfunden werden kann. Tatsächlich ist es jetzt gut, wenn Sinnfragen auftauchen in dieser dunkel gefärbten Zeit. Wenn das Herz sich bemerkbar macht und die Seele weint. Hier kann es endlich weiter gehen.

 

Am Ende der Kraft: Krankheit, Umbruch und die Sorge um andere 

Andere Ursachen für länger dauernde Erschöpfungszustände können in einer chronischen Grunderkrankung liegen, im Zusammenhang mit gehäuften oder langwierigen grippalen Infekten stehen, Ausdruck einer psycho-somatischen Störung sein oder im Kontext einer Chemotherapie (das sog. Cancer fatigue Syndrom) entstehen. In diesen Fällen ist es unabdingbar, das Immunsystem  in Balance zu bringen und so weit möglich lindernd auf die Grunderkrankung einzuwirken. Auch Geburt und Stillzeit, eine stramme Lernphase oder die Pflege von Angehörigen kosten Kraft. Letzteres ist meist leicht zu beheben, mit Kraftsuppen und Auszeiten.

 

Erschöpft "ohne Grund": eine Wanderung auf dem Grat

Erschöpfung ist unter Umständen eine Folge von Schockerlebnissen oder Ausdruck einer posttraumatischen Belastungsstörung. Hierbei kann es sich um körperliche Ereignisse, z. B. einen Unfall oder Operationen, aber auch psychische Verletzungen handeln. Oft liegen diese Ereignisse weit zurück, wirken aber, wenn sie nicht verarbeitet werden konnten, dauerhaft bis in die körperliche Ebene hinein. Einem burn - out liegen erfahrungsgemäß  überflutende und grenzüberschreitende Erfahrungen aus der frühen Kindheit zugrunde, was den Betroffenen gefühlt nicht bewusst ist. Eine gute Begleitung hierfür ist die Traumatherapie Somatic Experiencing® (SE), bei Bedarf in Kooperation mit psychologischer oder psychiatrischer Unterstützung. 

 

Licht am Ende des Tunnels

Ein erster Schritt auf dem Weg zur Gesundung ist, sich des Problems wirklich bewusst zu werden. Gerade zu Beginn können eine bewusste Lebensführung und regelmäßige echte Ruhepausen zur Selbstregulation beitragen. Die Rhythmischen Prozesse sollten in allen Phasen unterstützt werden, um die seelische und körperliche Schwingungsfähigkeit wieder herzustellen. Wahre Schätze finden sich dafür in der Anthroposophischen Medizin und den Rhythmischen Einreibungen. Auch Akupunktur kann hilfreich sein, wenn noch genügende Kraftreserven vorhanden sind. 

 

Wer chronisch erschöpft ist, wird nicht mehr der oder die Alte werden. Hier geht es um eine neue Chance: die Grenzen der eigenen Kraft zu respektieren und innerhalb dieser die ganze Fülle des Lebens auszuschöpfen. Und nebenbei noch Freude an der Erholung zu finden.